Wenn Sparen zur mangelnden Wertschätzung wird

Was hat Kultur eigentlich mit einem Acker zu tun?

Mehr, als man zunächst denkt.

Das Wort Kultur geht auf das lateinische cultura zurück: Landbau und Pflege. Dahinter steht colere – bebauen und pflegen.¹

Ein fruchtbarer Acker bleibt nicht fruchtbar, wenn man ihn sich selbst überlässt. Der Boden muss gepflegt und bestellt werden. Wir müssen säen und investieren, lange bevor wir ernten können.

Ähnlich verhält es sich mit Kultur.

Heute verstehen wir darunter einen beachtlichen Teil unserer Lebensqualität: die geistige, künstlerische und gesellschaftliche Entfaltung und all das, was Menschen auf diesen Ebenen schaffen, entwickeln und weitergeben.

Was aber passiert, wenn wir immer weniger säen, pflegen und weiterentwickeln?

Kultur unter Spardruck

Österreich muss sparen. Das betrifft auch Kunst und Kultur.

Für Kunst und Kultur waren im Bundesbudget 2025 rund 670,7 Millionen Euro vorgesehen. 2026 sind es rund 629,8 Millionen Euro. Das bedeutet einen Rückgang von 40,9 Millionen Euro bzw. 6,1 Prozent.²

Bei den Kunst- und Kulturförderungen selbst sinken die vorgesehenen Auszahlungen 2026 gegenüber 2025 um rund 38,1 Millionen Euro.²

Und die Entwicklung geht weiter: Für 2027 sind im Kunst- und Kulturbudget rund 608,7 Millionen Euro vorgesehen; 2028 soll der Betrag wieder leicht auf rund 617,4 Millionen Euro steigen.³

Sparen ist nicht automatisch mangelnde Wertschätzung. Öffentliche Mittel sind begrenzt und müssen verantwortungsvoll eingesetzt werden.

Problematisch wird es dort, wo bei Entscheidungen aus dem Blick gerät, was hinter einer Einsparungsposition steht: Menschen.

Genau daran wollen wir erinnern.

Denn hinter Kultur stehen Menschen, die schreiben, spielen, sprechen, musizieren, gestalten, organisieren, filmen, ausstatten, vermitteln – und jene, die einem Bild erst Atmosphäre und Leben geben.

Wie beim Acker stellt sich deshalb die Frage:

Was können wir morgen ernten, wenn wir heute immer weniger säen und pflegen?

Wenn beim Film der Mensch zur Einsparungsposition wird

Auch Filmproduktionen müssen wirtschaftlich arbeiten. Budgets sind begrenzt, Kosten steigen und Produktionen stehen selbst unter finanziellem Druck.

Es geht daher nicht darum, notwendiges wirtschaftliches Handeln zu verurteilen.

Aber es lohnt sich hinzusehen, wo Einsparungen letztlich ankommen.

Eine Szene, für die ursprünglich 50 Komparsen vorgesehen waren, wird vielleicht mit 30 gedreht. Aus 30 werden vielleicht 15.

Auf dem Papier wurde eine Position reduziert.

Aber was geschieht mit dem Bild?

Eine Bahnhofshalle, ein Ball, ein Restaurant, ein Krankenhaus, eine Demonstration oder eine belebte Straße lebt von Menschen.

Komparsen sind nicht einfach Menschen im Hintergrund. Sie schaffen Atmosphäre, Glaubwürdigkeit und Leben im Bild.

Und hinter jedem dieser „Hintergrundmenschen“ steht ein tatsächlicher Mensch: jemand, der Zeit investiert, wartet, Anweisungen folgt, Kostüm und Maske durchläuft und seinen Teil dazu beiträgt, dass am Ende eine glaubwürdige Szene entsteht.

Wertschätzung zeigt sich auch am Teller

Menschen, die viele Stunden gemeinsam an einem Drehtag verbringen, brauchen eine angemessene Verpflegung.

Drehtage können weit über einen normalen Arbeitstag hinausgehen. Verpflegung ist deshalb nicht bloß eine angenehme Zugabe. Sie trägt zu Wohlbefinden, Konzentration, Motivation und Arbeitsklima bei.

Interessant ist ein Blick auf den österreichischen Kollektivvertrag für Filmberufe: Für die von ihm erfassten Filmschaffenden enthält dieser konkrete Bestimmungen zur Verpflegung. Unter bestimmten Voraussetzungen werden beispielsweise zwei Mahlzeiten genannt, davon grundsätzlich eine warm; nachvollziehbare Ernährungswünsche wie ein fleischloses Angebot sollen nach Möglichkeit berücksichtigt werden.⁴

**Darsteller und Komparsen sind vom persönlichen Geltungsbereich dieses Kollektivvertrags allerdings ausdrücklich ausgenommen.**⁴

Daraus leiten wir daher keinen kollektivvertraglichen Anspruch für Komparsen ab.

Es führt uns vielmehr zu einer anderen Frage:

Warum sollte Wertschätzung am gemeinsamen Set dort enden, wo unterschiedliche berufliche oder vertragliche Kategorien beginnen?

Was darf Verpflegung kosten?

Ein Blick nach Deutschland zeigt, wie unterschiedlich Catering kalkuliert werden kann.

Das Movie College nennt als Orientierungswerte aus der Produktionspraxis etwa 15 bis 20 Euro pro Person und Drehtag bei normal finanzierten Produktionen. Bei größeren Produktionen können es 30 Euro und mehr sein. Für sehr einfache Low-Budget-Lösungen werden etwa 5 bis 7 Euro genannt – allerdings nur unter besonderen Voraussetzungen und mit zusätzlicher Unterstützung.⁵

Diese Beträge können nicht einfach auf Österreich übertragen werden. Einen vergleichbaren allgemein verbindlichen österreichischen Pro-Kopf-Cateringsatz für Komparsen konnten wir nicht feststellen.

Aber die Zahlen zeigen eines:

Catering ist eine kalkulierte Produktionsleistung.

Vom Produktionsbudget bis zum Teller

Eine Produktion definiert, wie viele Menschen versorgt werden müssen, welche Leistung gewünscht wird und welcher finanzielle Rahmen dafür zur Verfügung steht.

Der Caterer wiederum muss innerhalb dieses Rahmens Lebensmittel einkaufen, Personal bezahlen, vorbereiten, kochen, transportieren und ausgeben, Hygiene und Logistik gewährleisten, betriebliche Kosten tragen – und selbstverständlich wirtschaftlich arbeiten.

Vereinfacht entsteht eine Kette:

Produktion → Anforderungen und Budget → Caterer → Einkauf und Zubereitung → Verpflegung am Set

Deshalb wäre es zu einfach, bei einer unzureichenden Verpflegung automatisch auf den Caterer zu zeigen.

Die interessantere Frage beginnt früher:

Was wurde bestellt und welcher Stellenwert wurde der Verpflegung der jeweiligen Personengruppe bereits bei der Planung eingeräumt?

Und was gönnen wir wem?

Hier berühren sich Kalkulation und Wertschätzung.

Wenn für Team und Schauspieler ein bestimmter Verpflegungsstandard vorgesehen ist, für die Komparserie aber deutlich weniger kalkuliert oder angeboten wird, stellt sich irgendwann nicht mehr nur eine Kostenfrage.

Regie, Schauspiel, Kamera, Technik und Komparserie haben unterschiedliche Aufgaben, Verantwortlichkeiten, Verträge und Entlohnungen.

Aber Hunger kennt keine berufliche Hierarchie.

Gleichwertig bedeutet dabei nicht identisch.

Ein vegetarisches Gericht muss nicht dasselbe Gericht ohne Fleisch sein. Es kann eine völlig andere Mahlzeit sein.

Aber wenn beispielsweise Gulasch angeboten wird und die vegetarische Alternative letztlich aus Reis mit Saft besteht – mit der Begründung, der Reis sei ohnehin für alle da –, stellt sich eine berechtigte Frage:

Wurde dieser Mensch von Anfang an mitgedacht?

Denn es macht einen Unterschied, ob für eine Personengruppe eine Mahlzeit geplant wird – oder ob sie bekommt, was von der Planung für andere ohnehin vorhanden ist.

Nicht:

„Was bleibt für die Komparserie übrig?“

Sondern:

„Was brauchen die Menschen, die heute gemeinsam an dieser Produktion mitwirken?“

Wertschätzung kostet nicht immer mehr Geld

Das ist vielleicht der entscheidende Punkt.

Nicht jede Verbesserung benötigt ein größeres Budget.

Wertschätzung kann auch bedeuten: klare Information, verlässliche Kommunikation, nachvollziehbare Vereinbarungen, gute Organisation und respektvollen Umgang.

Sie bedeutet auch, Menschen nicht aus den Augen zu verlieren, wenn sich technische Möglichkeiten verändern.

Gerade künstliche Intelligenz wirft neue Fragen auf: Was geschieht mit dem Bild oder der Stimme eines Menschen? Was wurde vereinbart? Und versteht der Betroffene, wofür seine Aufnahme künftig verwendet werden kann?

Technischer Fortschritt bietet enorme Möglichkeiten.

Gerade deshalb sollten wir uns bewusst machen:

Hinter einem Gesicht, einer Stimme und einer Darstellung steht ein Mensch.

Genau hier setzen wir an

Der 1. Verein für Komparserie und Kleindarstellerei Österreichs möchte diesen Menschen stärker sichtbar machen.

Nicht gegen Produktionen.
Nicht gegen Agenturen.
Nicht gegen andere Beteiligte der Filmbranche.
Sondern miteinander.

Wir informieren und vernetzen, ermöglichen Erfahrungsaustausch und beschäftigen uns mit grundlegenden Rahmenbedingungen rund um Komparserie und Kleindarstellung – von transparenter Information und Kommunikation über Vermittlung und Vereinbarungen bis hin zu Bild- und Persönlichkeitsrechten, Versicherung und neuen Fragen rund um die Nutzung von Bild und Stimme durch KI.

Mit APRÈS DREH, Informationsveranstaltungen, Workshops und weiteren Aktivitäten schaffen wir Orte der Begegnung und des Austauschs.

Gleichzeitig suchen wir bewusst den Dialog mit kompetenten Organisationen, Branchenvertretern, Filmschaffenden und möglichen Partnern.

Denn nachhaltige Verbesserungen entstehen dort, wo Menschen miteinander und nicht übereinander sprechen.

Wir können als Verein nicht versprechen, die Filmbranche im Alleingang zu verändern.

Aber wir können Menschen zusammenbringen, Erfahrungen zusammentragen, Fragen sichtbar machen, Wissen vermitteln und Gespräche anstoßen.

Und je mehr Menschen diesen Weg mittragen, desto stärker wird dieses Netzwerk.

Und wenn ich gar kein Komparse bin?

Dann betrifft dich vielleicht trotzdem die eigentliche Frage dieses Beitrags:

Welchen Wert geben wir dem Menschen innerhalb unserer Kultur?

Man muss nicht selbst vor einer Kamera stehen, um sich für Respekt, Teilhabe, kulturelle Vielfalt und einen wertschätzenden Umgang miteinander einzusetzen.

Kultur ist schließlich weit mehr als das fertige Bild auf einer Kinoleinwand.

Sie entsteht durch Menschen.

Und damit schließt sich der Kreis zum Acker:

Was wir pflegen, kann wachsen.
Was wir vernachlässigen, verkümmert.

Das gilt für einen Acker.

Das gilt für Kultur.

Und vor allem gilt es für unseren Umgang mit Menschen.

spürbar. sichtbar. Als Mensch. Im Bild.


Quellen und Fußnoten

¹ Wortherkunft „Kultur“: Duden führt „Kultur“ auf lateinisch cultura – „Landbau; Pflege (des Körpers und Geistes)“ – zurück. Das zugrunde liegende lateinische colere bedeutet unter anderem „bebauen, pflegen“.
Quelle: Duden, Stichwort „Kultur“.

² Kunst- und Kulturbudget 2025/2026: Laut Budgetunterlagen des österreichischen Parlaments sind für die Untergliederung 32 „Kunst und Kultur“ 2025 670,7 Mio. Euro und 2026 629,8 Mio. Euro veranschlagt. Das entspricht einem Rückgang von 40,9 Mio. Euro bzw. 6,1 %. Die Auszahlungen für Kunst- und Kulturförderungen sinken 2026 gegenüber 2025 um 38,1 Mio. Euro.
Quelle: Österreichisches Parlament, Budgetbericht 2025/2026, UG 32 Kunst und Kultur.

³ Kunst- und Kulturbudget 2027/2028: Laut österreichischem Parlament sind für Kunst und Kultur 2027 608,7 Mio. Euro und 2028 617,4 Mio. Euro vorgesehen.
Quelle: Österreichisches Parlament, Budgetausschuss/Doppelbudget 2027 und 2028, 2026.

⁴ Verpflegung im österreichischen Film-KV: Der Kollektivvertrag für Filmberufe enthält für die von ihm erfassten Arbeitnehmer Bestimmungen zur Verpflegung. Bei bestimmten Dienstreisen wird für ein Ganztagsarbeitsverhältnis eine Verpflegung aus zwei Mahlzeiten beschrieben, wobei grundsätzlich eine davon warm sein soll. Nachvollziehbare Ernährungswünsche, beispielsweise ein fleischloses Angebot, sollen nach Möglichkeit berücksichtigt werden. Darsteller und Komparsen sind vom persönlichen Geltungsbereich dieses Kollektivvertrags ausdrücklich ausgenommen.
Quelle: Wirtschaftskammer Österreich, Kollektivvertrag Filmschaffende/Filmberufe 2026, insbesondere §§ 1, 5 und 17.

⁵ Catering-Kalkulation – Vergleich Deutschland: Movie College nennt als Erfahrungs- und Orientierungswerte für Filmproduktionen etwa 5–7 Euro pro Person/Tag für sehr einfache Low-Budget-Lösungen unter besonderen Voraussetzungen, 15–20 Euro bei normal finanzierten Produktionen und 30 Euro oder mehr bei größeren Produktionen. Diese Werte beziehen sich auf Deutschland und sind weder österreichische Tarife noch verbindliche Branchenstandards.
Quelle: Movie College, „Catering – Verpflegung am Filmset“, abgerufen September 2026.